Bremer Originale sind Menschen, die auf ihre ganz eigene Weise Spuren in Bremen hinterlassen haben – manchmal berühmt, manchmal berüchtigt, manchmal einfach unvergessen.
Auf dieser Seite werfe ich einen genealogischen Blick auf ausgewählte Bremer Persönlichkeiten: Wer waren sie, woher kamen sie, und was lässt sich aus den Quellen wirklich über sie herausfinden?
Die Originale – per Klick direkt zur Geschichte
3. Mudder Cordes (noch in Arbeit)
Gesche Gottfried – eine genealogische Recherche
Gesche Gottfried ist ein Bremer Original – sie ist in Erinnerung geblieben, wenn auch nicht unbedingt für Positives. Über ihre Taten wurde viel geschrieben – über ihren Prozess und ihre Hinrichtung auch.
Mich interessierte für diese Recherche aber ein anderer Blick: Nicht die Giftmörderin, sondern ihre Familiengeschichte.
Wer gehörte zu ihr? Welche Kinder hatte sie? Gibt es Nachfahren? Und was lässt sich davon tatsächlich belegen?
Die ganz normalen Ahnenforschungsfragen halt.
Am Anfang: ein paar Daten
Wie so oft begann auch diese Recherche mit wenigen Angaben: Namen, Daten, ein paar Verwandtschaftsverhältnisse – vermutlich nicht alles gesichert, aber genug, um loszulegen.
Geboren wurde Gesche Margreta TIMME am 6. März 1785 in Bremen – gemeinsam mit ihrem Zwillingsbruder Johan Christoph TIMME. Ihre Eltern waren Johann TIMM und Gesche Margarethe SCHÄFER.
Die erste Ehe und die Kinder
Am 6. März 1806 heiratete Gesche in der St.-Ansgarii-Kirche in Bremen Johann Gerhard MILTENBERG.
Aus dieser Ehe konnte ich vier Kinder nachweisen:
Adelheit, geboren 1807
Henrich, geboren 1810
Johanna, geboren 1812
und noch einmal Johanna, geboren 1814
Zwei Töchter mit demselben Namen? Ja.
Das wirkt im ersten Moment irritierend, ist aber nicht ungewöhnlich. Die erste Johanna starb 1813, die zweite wurde 1814 geboren. Gerade bei früh verstorbenen Kindern wurde ein Name später durchaus erneut vergeben.
Hier muss man genau hinschauen, sonst wird aus zwei Kindern schnell eines – oder umgekehrt.
Und dann sind da noch die kleinen Gemeinheiten der Register und Verzeichnisse:
Aus Miltenberg wird ein Mittenberg und Johanna wird plötzlich zu Johann.
Ahnenforschung braucht deshalb neben Sorgfalt auch eine gute Portion Phantasie und Kreativität, um die eine oder andere Klippe in den Indexen umschiffen zu können.
Wenn die Daten nicht übereinstimmen
Bei der 1812 geborenen Johanna gab es noch eine Besonderheit:
Im Kirchenbuch steht als Geburtsdatum der 1. November 1812 – im Zivilstandsregister dagegen der 31. Oktober 1812, abends um 22 Uhr.
Was stimmt?
Im Grunde beides.
Ich habe mich hier für den Eintrag des Zivilstandsamts entschieden – die abweichende Angabe des Kirchenbuchs aber natürlich notiert.
Eine Familie verschwindet
Und dann wird aus einer ganz normalen Familiengeschichte langsam eine sehr stille Chronologie der Todesfälle.
Am 4. April 1813 starb die erste Johanna.
Am 1. Oktober 1813 folgte dann Gesches erster Ehemann Johann Gerhard Miltenberg.
1815 folgte dann eine ganze Reihe Sterbefälle:
Gesches Mutter, die zweite Johanna, Tochter Adelheit, Gesches Vater und Sohn Henrich.
1816 starb dann auch ihr Zwillingsbruder Johan Christoph.
Wenn man nicht wüsste, wer Gesche Gottfried war, würde man hier vielleicht erst einmal nicht laut aufhorchen. Die Kindersterblichkeit war hoch und auch Erwachsene erreichten nicht immer ein hohes Alter.
Und doch: In dieser Dichte liest sich diese Familiengeschichte irgendwann anders – mich hätte ein merkwürdiges Bauchgefühl beschlichen, wenn ich die Geschichte dahinter nicht kennen würde.
Die zweite Ehe
Am 2. Juli 1817 heiratete Gesche in zweiter Ehe Michael Christoph GOTTFRIED.
Diese Ehe dauerte nur wenige Tage. Michael Christoph Gottfried starb am 5. Juli 1817.
Am 2. Oktober 1817 brachte sie einen Sohn tot zur Welt.
Weitere Kinder konnte ich nicht nachweisen.
Aus Gesche Margreta TIMME war durch diese Ehe die später bekannte Gesche Gottfried geworden.
Gibt es Nachfahren?
Das war eine der Fragen, die mich bei dieser Recherche besonders interessiert hat.
Die Antwort ist nach den gefundenen Unterlagen klar:
Nein – es gibt keine gesicherten Nachfahren von Gesche Gottfried.
Alle bekannten Kinder starben früh. Ihr Zwillingsbruder blieb unverheiratet; Kinder sind für ihn nicht bekannt. Weitere Geschwister konnte ich nicht nachweisen.
Ob es über die Herkunftsfamilien der Eltern noch weitere Verwandtschaft gab, bleibt offen.
Ursprünglich endete meine Spur an dieser Stelle: Die Heirat und Herkunft der Eltern konnte ich zunächst nicht sicher klären. Durch den freundlichen Hinweis einer MAUS ließ sich die Heirat inzwischen jedoch zuordnen: Gesches Eltern heirateten 1784 in der Bremer St. Stephani-Kirche. Wieder einmal ein schönes Beispiel dafür, wie wertvoll gemeinsames Hinschauen in der Ahnenforschung sein kann.
Was bleibt
Am Ende dieser Recherche steht kein großer Stammbaum.
Es bleibt eine kleine Familie, deren Linien früh abbrechen.
Es bleiben Kinder, die kaum Zeit hatten.
Es bleiben Namen, Daten, kleine Abweichungen – und einige Fragen, die sich nicht mehr beantworten lassen.
Für mich war diese Recherche trotzdem lohnend.
Gerade weil sie zeigt, was Ahnenforschung oft ist: kein schnelles Sammeln von Daten, sondern ein vorsichtiges Zusammensetzen. Man prüft, vergleicht, verwirft, entscheidet – und hält aus, wenn etwas offen bleibt.
Die Linkliste zu den von mir gefundenen Quellen habe ich im Rahmen meiner Facebook-Beiträge veröffentlicht – ich stelle sie auf Nachfrage natürlich gerne auch per Mail zur Verfügung. Hier würde sie nur den Rahmen sprengen.
Heini Holtenbeen - eine genealogische Recherche
„Heini Holtenbeen“ ist ein Bremer Original, hinter dem ein ganz normaler Mensch steckt.
Und genau da beginnt für mich die genealogische Neugier.
Wer war er? Wie sahen seine familiären Verbindungen aus? Woher kam seine Familie? Gibt es vielleicht Nachkommen?
„Heini Holtenbeen“ hieß bürgerlich Jürgen Heinrich KEBERLE. Geboren wurde er am 18. April 1835 in Bremen als Sohn eines aus Böhmen stammenden Vaters und einer aus Bremen stammenden Mutter.
Das klingt erst einmal nach wenigen Angaben.
Aber wenige Angaben sind manchmal genug, um loszugehen.
Am Anfang: ein paar Fragen
Heini verstarb ledig. Es gibt also keine bekannte direkte Nachfahrenlinie.
Damit war schnell klar: Wenn ich mehr über ihn herausfinden möchte, muss der Blick nicht auf eigene Kinder und Enkel gehen, sondern auf seine Eltern, Geschwister und Seitenlinien.
Also begann die Recherche dort, wo sie meistens beginnt: bei Namen, Daten, Urkunden — und bei der Frage, welche Angaben wirklich zusammenpassen.
Schon dabei zeigte sich wieder einmal, dass Namen in alten Quellen selten so gleichbleibend sind, wie wir sie heute gern hätten.
Aus KÄBERLE wurde KEBERLE.
Aus Henriette BERTRAM wurde Hinrika BARTRAM.
Aus Josephine Franzisca KEBERLE wurde an anderer Stelle Franziska Josephine KEBERLE.
Solche Unterschiede sind kein Grund, sofort abzuwinken. Schreibweisen wechselten, Umlaute verschwanden, Vornamen wurden vertauscht. Wichtig ist dann der nächste Schritt: prüfen.
Passen Ehepartner und Eltern?
Passt das Alter?
Passt der Ort?
Passt der Zusammenhang?
Bei Josephine passte trotz vertauschter Vornamen der Ehemann. Damit war klar: Das ist die richtige Person. Bei anderen Spuren reichte eine ähnliche Namensform dagegen nicht aus.
Ahnenforschung ist eben nicht nur Suchen. Sie ist auch Sammeln, Prüfen, Ordnen — und Stück für Stück Zusammenpuzzeln.
Die Spur nach Böhmen
Bei Heinis Vater stand zunächst nur der Hinweis: Er stammte aus Böhmen.
Das ist spannend, aber noch nicht besonders hilfreich. Böhmen ist schließlich kein genauer Geburtsort.
Später ergab sich aus einem anderen Dokument der Hinweis auf Straschitz, heute Strašice. Damit begann der nächste Teil der Suche: Wie heißt der Ort heute? Welche Pfarrei war zuständig? Sind die Kirchenbücher erhalten? Und in welcher Sprache wurden sie geführt?
Tatsächlich ließ sich der Taufeintrag von Heinis Vater finden.
Geburtsjahr passt.
Eltern passen.
Der Eintrag ist korrekt identifiziert.
Das ist ein echter Rechercheerfolg.
Auch wenn der Eintrag selbst nicht gerade freundlich zu lesen ist. Um es etwas direkter zu sagen: Die Schrift ist eine ziemliche Sauklaue — und als wäre das nicht schon sportlich genug, ist der Eintrag auch noch auf Tschechisch.
Bei Niederländisch hilft mir manchmal lautes Vorlesen, bei Portugiesisch vielleicht noch ein Hauch Spanisch im Hinterkopf.
Aber Tschechisch?
Da stehe ich erst einmal ziemlich blank da.
Manchmal findet man also die richtige Quelle — und merkt dann: Sie hat offenbar beschlossen, nicht sofort alles freiwillig herauszugeben.
Wenn eine Spur Zeit braucht
Bei Heinis väterlicher Linie wäre weitere Forschung in Böhmen grundsätzlich möglich. Sie würde aber bedeuten, sich tiefer in eine ungewohnte Quellenwelt einzuarbeiten: andere Sprache, schwere Schrift, andere Überlieferung.
Das kann sehr spannend sein.
Es kann aber auch sehr zeitintensiv werden.
Auch bei Heinis Mutter gab es einen solchen Punkt. Sie wurde unehelich geboren. Ob ihre Eltern später geheiratet haben, lässt sich derzeit nicht sicher klären. Ein wichtiges Kirchenbuch fehlt, und die erhaltenen Zivilstandsunterlagen bringen hier keinen eindeutigen Anschluss.
Das ist kein Scheitern.
Es ist Quellenarbeit mit Augenmaß.
Manchmal ist eine Spur nicht unmöglich — aber sie ist zeitintensiv. Dann muss man ehrlich abwägen, ob der Aufwand zum Ziel passt.
Ich investiere gerne viel Arbeit in eine Recherche — aber nicht blindlings. Wenn eine Spur außergewöhnlich viel Zeit für Recherche und Einarbeitung verlangt, spreche ich das offen an. Dann kann gemeinsam entschieden werden: Gehen wir diesen Weg weiter? Oder reichen die bisher gefundenen Daten für das aktuelle Ziel?
Denn Ahnenforschung darf gründlich sein — aber sie sollte kein Fass ohne Boden werden.
Amerika taucht auf
Besonders spannend wurde es bei Heinis Geschwistern.
Plötzlich tauchten Spuren auf, die nach Amerika führten.
Bei seinem Bruder Joseph Aloysius KEBERLE führte eine Spur nach New York. Ein Joseph A. KEBERLE wurde 1858 in New York eingebürgert — und als früherer Bürger von Bremen bezeichnet.
Das ist ein richtig starker Hinweis.
Passender Herkunftsort.
Passender Name.
Passende Zeit.
Da wird man natürlich hellhörig.
Aber Ahnenforschung lebt nicht nur vom Finden, sondern auch vom Prüfen.
Der zweite Vorname wird nicht ausgeschrieben. Ein Geburtsdatum fehlt. Eltern werden nicht genannt. Und ein späterer möglicher Sterbefall führt zu einem Joseph August — das ist eben nicht dasselbe wie Joseph Aloysius.
Auch bei Heinis Schwester Josephine gab es Hinweise Richtung Amerika. Eine Frances J. REST passte in mehreren Punkten auffallend gut: Alter, Name, Baltimore. Dazu kamen weitere kleine Spuren im Umfeld.
Aber auch hier fehlte am Ende der Beweis.
Solche Funde sind nicht wertlos. Im Gegenteil. Sie zeigen, wohin eine Familie möglicherweise gegangen sein könnte. Sie geben Suchrichtungen vor. Sie helfen, Zusammenhänge zu verstehen.
Aber sie werden nicht automatisch zu gesicherten Tatsachen.
Für diese Recherche heißt das: notieren, bewerten — aber eben nicht passend machen, was nicht sicher genug belegt ist.
Spannende Nebenschauplätze
Manchmal sind es die Nebenschauplätze, die einer Recherche plötzlich Leben geben.
Bei Heini tauchte zum Beispiel ein Name auf, der erst einmal wie ein kurioser Zufall wirkte: Marc ROLAND — ein Komponist mit eigenem Wikipedia-Artikel, den ich vorher ehrlich gesagt nicht auf dem Schirm hatte.
Er zeigte den Tod der Witwe eines Verwandten aus Heinis Seitenlinie an.
Erst später ergab das Ganze Sinn: Marc ROLAND, geboren als Adolf Diedrich Karl BEENEKEN, hatte eine Großnichte von Heini geheiratet. Aus einem scheinbaren Zufallsfund wurde also ein Stück Familienzusammenhang.
Auch ein anderer Fund war interessant: der Beruf Ober-Postpraktikant.
Wer dabei an ein heutiges Praktikum denkt, landet völlig falsch. Historisch war das eine Laufbahnbezeichnung bei der Post — kein Praktikum im heutigen Sinne.
Solche Kleinigkeiten sind nicht immer der Mittelpunkt einer Recherche. Aber sie zeigen, warum Quellen immer in ihre Zeit gehören.
Was bleibt
Bei Heini habe ich mich bewusst auf jeweils zwei Generationen vor und nach ihm konzentriert.
Zum einen, damit die Recherche in die Vergangenheit nicht ausufert. Zum anderen, weil es in den Seitenlinien Hinweise auf möglicherweise noch lebende Angehörige gibt.
Und die gehören definitiv nicht in eine öffentliche Darstellung.
Am Ende bleibt der Blick auf den Menschen hinter dem Bremer Original — und auf eine ganz normale Familie.
„Heini Holtenbeen“ war bürgerlich Jürgen Heinrich KEBERLE, geboren in Bremen.
Seine väterlichen Spuren führen nach Böhmen.
Seine Seitenlinien führen nach Bremen, Baltimore, New York und Charlottenburg.
Es gibt sichere Funde, spannende Hinweise und einige offene Fragen.
Und genau das ist für mich Ahnenforschung:
Nicht alles glattbügeln.
Nicht alles passend machen.
Sondern sorgfältig zeigen, was belegbar ist — und was offenbleiben muss.
Fisch-Lucie - eine genealogische Recherche
Fisch-Lucie gehört zu den Bremer Originalen, die auch dann noch im Gedächtnis bleiben, wenn die historischen Einzelheiten längst hinter Anekdoten verschwunden sind. In solchen Geschichten erscheint sie als patente Frau, eine, die sich offenbar durchaus zu helfen wusste und nicht alles schweigend hinnahm.
Mich interessierte bei dieser Recherche der Mensch dahinter. Wer war diese Frau? Welche Familie gehörte zu ihr? Stimmen die bekannten Angaben? Und was lässt sich heute aus den Quellen tatsächlich über ihr Leben und ihre Nachkommen herausfinden?
Aus diesen Fragen wurde am Ende eine deutlich größere Recherche, als ich zunächst erwartet hatte. Eine ganze Zeit lang habe ich Lucie, ihre beiden Ehen, ihre Kinder, ihre Enkel und ihre Vorfahren gesucht, geprüft, sortiert und zugeordnet. Herausgekommen ist ein riesiges Familiengeflecht, das von Bremen aus bis nach Hamburg, Rotterdam, New York und sogar nach Jamaika führt.
Am Anfang: 17 Kinder
Die bekannteste Zahl bei Fisch-Lucie lautet: 17 Kinder. Und diese Zahl stimmt tatsächlich. Johanne Lucie Henriette HARTIG, in ihren Ehen dann LORENZ und FLECHTMANN, brachte zwischen 1866 und 1893 siebzehn Kinder zur Welt. Ihr erstes Kind bekam sie mit 16, ihr letztes mit 43 Jahren.
Trotzdem lohnt sich bei dieser Zahl der genaue Blick. Acht Kinder stammen aus ihrer ersten Ehe mit Joachim Friederich Arnold LORENZ, acht Kinder aus ihrer zweiten Ehe mit Albert Diedrich Heinrich FLECHTMANN. Das siebzehnte Kind wurde zwar in der bestehenden zweiten Ehe geboren und trug den Namen FLECHTMANN, doch der Ehemann war laut Geburtsurkunde zu diesem Zeitpunkt bereits seit etwa 15 Monaten abwesend und sein Aufenthalt unbekannt.
Rein rechtlich galt dieser Sohn also als ehelich geborener FLECHTMANN. Biologisch kann Diedrich FLECHTMANN aber unmöglich sein Vater gewesen sein. Solche Unterscheidungen wirken auf den ersten Blick vielleicht kleinlich. In der Ahnenforschung sind sie wichtig, weil Familienname, rechtliche Zuordnung und biologische Abstammung nicht immer dasselbe sind. Gerade wenn später Nachkommenlinien oder DNA-Verbindungen betrachtet werden, können solche Details entscheidend sein.
Auch die Vorstellung, alle 17 Kinder hätten gleichzeitig bei Lucie gelebt, hält der Prüfung nicht stand. Die Geburten verteilen sich über fast 27 Jahre. Mehrere Kinder waren bereits verstorben, bevor spätere überhaupt geboren wurden. Nach meiner Auswertung waren höchstens zwölf ihrer Kinder gleichzeitig am Leben; bei den minderjährigen Kindern lag die höchste gleichzeitige Zahl ungefähr bei neun. Das ist immer noch sehr viel – aber eben etwas anderes als die Vorstellung von 17 Kindern, die gleichzeitig durch eine Wohnung liefen.
Die erste Ehe: sehr jung Mutter, sehr jung Witwe
Lucies eigene Familiengeschichte begann früh. Am 5. Juli 1866 heiratete sie den zwölf Jahre älteren Joachim Friederich Arnold LORENZ. Lucie war erst 16 Jahre alt und bereits schwanger. Ihre erste Tochter Dorothee Elisabeth wurde am 27. Dezember 1866 geboren.
Schon der Anfang dieser Ehe wirft Fragen auf, die die betrachteten Quellen nur teilweise beantworten. Die Proklamation war bereits etwa einen Monat vor der Heirat erfolgt, doch gegen die Verbindung wurde Einspruch erhoben. Erst drei Tage vor der Trauung wurde dieser Einspruch gerichtlich ausgeräumt. Was genau dahinterstand, lässt sich aus den ausgewerteten Unterlagen nicht sicher sagen.
In gut zwölf Jahren brachte Lucie in dieser ersten Ehe acht Kinder zur Welt. Drei der jüngsten Töchter starben als kleine Kinder. Henriette wurde nur etwas über ein Jahr alt, Caroline Dorothee zwei Jahre, Johanne Lucie Henriette ebenfalls nur etwas über ein Jahr.
1878 starb auch Lucies erster Ehemann Arnold, gerade einmal 40 Jahre alt. Lucie war zu diesem Zeitpunkt erst 28 Jahre alt und musste sieben noch lebende Kinder versorgen, vom Baby bis zum fast zwölfjährigen Kind. Wenn man diese Daten nacheinander liest, werden aus nüchternen Einträgen plötzlich Lebensumstände, bei denen man beim Forschen kurz innehält.
Die zweite Ehe und ein verschwundener Ehemann
Nach dem Tod ihres ersten Ehemannes heiratete Lucie ein zweites Mal. Ihr zweiter Ehemann war Albert Diedrich Heinrich FLECHTMANN, gerufen wurde er Diedrich. Auch aus dieser Ehe gingen mehrere Kinder hervor, und auch hier gab es frühe Verluste. Zwei Kinder starben bereits als Babys oder Kleinkinder.
Diedrich FLECHTMANN ist einer der Fälle, bei denen die Familiengeschichte über Bremen hinausführt. In Bremen ist er als Schlosser tätig. 1886 findet sich ein A. D. H. FLECHTMANN, Schlosser aus Bremen, auf dem Weg nach New York. Ganz verschwunden war er danach allerdings noch nicht: 1891 zeigte er in Bremen selbst den Tod der kleinen Tochter Elise an. Das ist sein letztes sicheres Lebenszeichen in Bremen.
Bei der Geburt von Lucies letztem Sohn Johann Diedrich im Jahr 1893 steht dann in der Urkunde, dass der Ehemann seit etwa 15 Monaten abwesend und sein Aufenthalt unbekannt sei. Dazu passt eine weitere Spur von 1892, die erneut nach New York führt. In vielen späteren Heirats- und Sterbeurkunden seiner Kinder wird der Vater immer wieder mit unbekanntem Verbleib beschrieben. 1903 starb in New York ein Dietrich FLECHTMAN, beruflich als ironworker bezeichnet, also recht nah am Schlosser. Als Vater wurde Lüder FLECHTMAN genannt – und genau so hieß auch Diedrichs Vater.
Ein Detail wirkt auf den ersten Blick störend: In dieser New Yorker Sterbeurkunde wurde er als ledig bezeichnet. Für sich genommen wäre das ein Problem. In der Gesamtschau sprechen aber Name, Herkunft, Beruf, Zeit, Ort und Vater dafür, dass es sich um eben jenen Albert Diedrich Heinrich FLECHTMANN handelt. Wenn ein Mann Jahre zuvor Frau und Kinder in Bremen zurückgelassen hatte, musste ein Informant in New York davon nichts wissen. Oder Diedrich selbst hatte sich dort als unverheiratet ausgegeben.
Für Lucie bedeutete sein Verschwinden vor allem eines: Wieder blieb die ganze Verantwortung bei ihr. Wieder musste sie die Familie versorgen. Genau an dieser Stelle wird das Bild der patenten Fisch-Lucie für mich besonders nahbar. Eine Frau, die unter schwierigsten Bedingungen weitermachen musste.
Fischhandel, Frauenarbeit und Familienalltag
Als Fisch-Lucie wurde sie bekannt, doch in den von mir gefundenen Dokumenten wird Lucie selbst kurioserweise nie als Fischhändlerin bezeichnet, es wird nicht einmal erwähnt, dass sie berufstätig war. Ganz aus dem Nichts kam dieser Beruf aber nicht. Ihr Vater Heinrich Ludewig HARTIG – gerufen wurde er Ludwig – taucht zunächst als Cigarrenmacher auf, später als Arbeitsmann und schließlich 1857 als Fischhändler. Lucie war damals sieben Jahre alt, den Fischhandel kannte sie also schon als Kind.
Auffällig war bei dieser Recherche überhaupt, dass mehrere Frauen in diesem Familiengeflecht als Händlerinnen tätig waren. Man sollte solche Funde natürlich nicht vorschnell mit heutigen Vorstellungen von Selbstständigkeit oder beruflicher Freiheit überfrachten. In vielen Fällen ging es vermutlich schlicht um Notwendigkeit. Trotzdem zeigen diese Spuren, dass Frauen nicht nur im Hintergrund standen. Sie trugen aktiv zum Unterhalt ihrer Familien bei – manchmal gemeinsam mit einem Ehemann, manchmal offenbar auch allein.
Bremen war nur der Anfang
Eigentlich begann diese Recherche ganz eindeutig in Bremen. Lucie wurde in Bremen geboren, heiratete und bekam ihre Kinder in Bremen und starb dort auch. Man könnte also meinen, es handle sich um eine sehr lokale Familiengeschichte. Das stimmt – aber eben nicht nur.
Je weiter ich in die Familie hineinging, desto häufiger führten die Spuren aus Bremen hinaus. Ein Sohn aus erster Ehe, Johann Heinrich Ludwig LORENZ, ließ sich zunächst nicht wiederfinden. Erst nach mehreren Suchanläufen tauchte er in New York als Louis LORENZ wieder auf. Der Namenswechsel ist nicht ungewöhnlich, da Ludwig sein Rufname war; im englischsprachigen Umfeld konnte daraus gut Louis werden.
Auch ein anderer Sohn, Heinrich Ludwig August LORENZ, wurde in den USA zu Henry LORENZ. Über ihn entstand ein großer amerikanischer Familienzweig mit Spuren in Brooklyn, Queens, Manhattan und der Bronx. In einer Enkel-Linie tauchte Rotterdam auf, über eine Seitenlinie sogar Jamaika. Aus einer Bremer Fischhändlerin wurde so eine Frau, deren Familie sich weit über Bremen hinaus verzweigte.
Gerade in den amerikanischen Zweigen zeigten sich regelrechte Namensknoten: Aus der als Elise geborenen Enkelin wurde später die Minnie gerufene Minerva und aus ihrer als Lucy gerufenen Schwester Lucille wurde später Elsie.
Wenn Quellen helfen - und wenn sie schweigen
Ein wichtiger Grund dafür, dass diese Recherche überhaupt so weit gehen konnte, liegt in der heutigen Quellenlage. Für Bremen sind die über das Staatsarchiv Bremen frei zugänglichen Digitalisate und die ehrenamtlich erarbeiteten Indexe der MAUS Bremen ein enormer Gewinn. Ein Index ersetzt nie die Originalquelle. Aber er zeigt, wo man suchen kann. Und wenn der Scan dann direkt zugänglich ist, kann aus einem Hinweis schnell ein belegter Fund werden.
Genau so arbeite ich: Ein Hinweis ist für mich nicht automatisch eine fertige Antwort. Er ist erst einmal eine Spur. Manchmal bestätigt sie sich sofort, manchmal führt sie über mehrere Umwege weiter, und manchmal bleibt sie auch stehen, bis ein späterer Fund sie plötzlich verständlich macht.
Die Recherche zu Fisch-Lucie umfasste fast die ganze Bandbreite genealogischer Arbeit: Randvermerke, die Gold wert sind, aber erst sortiert werden müssen. Namen, die auf den ersten Blick falsch wirken und sich später doch als Hinweis auf gelebten Familienalltag erweisen. Geburtsurkunden, die plötzlich doppelt vorliegen. All dies macht die Menschen wieder ein Stück sichtbarer.
Und trotzdem bleibt nicht alles lösbar. Bei Lucies Enkel Nicolaus Julius KANSTEIN ließ sich der weitere Verbleib trotz mehrerer Spuren nicht sicher klären. Ein Hinweis auf eine Kriegsgefangenschaft in Rouen war sein letztes von mir gefundenes Lebenszeichen. Aber, auch das gehört zur Ahnenforschung – man findet nicht immer den letzten benötigten Hinweis.
Auch der Datenschutz setzt Grenzen. Die Enkelgeneration habe ich so vollständig wie möglich bearbeitet. Die Urenkelgeneration habe ich dagegen nicht mehr systematisch erforscht. Nicht, weil sie uninteressant wäre, sondern weil hier Datenschutz, Umfang und Quellenlage schnell zu einer Unvollständigkeit geführt hätten.
Lucies Vorfahren
Auch der Blick zurück gehörte zu dieser Recherche, allerdings bewusst begrenzt. Ich bin bei Lucies Vorfahren nur in gerader Linie zurückgegangen, habe mir also ihre Eltern, Großeltern und Urgroßeltern angeschaut. Und auch das nur so weit, wie sich diese Personen aus den Bremer Zivilstandsregistern ab 1811 und den späteren Standesamtsregistern ergeben haben. Seitenlinien wie Cousins und Cousinen, Onkel und Tanten und weiter entfernte Verwandte habe ich hier nicht verfolgt.
Gerade diese klare Grenze war wichtig. Eine Recherche kann immer weiterwachsen, wenn man sie lässt. Aber es ist auch so schon durchaus ein wenig ausgeartet.
Bei Fisch-Lucie ging es mir darum, ihre Herkunft und ihre Nachkommen so weit sichtbar zu machen, dass die Familiengeschichte nachvollziehbar wird, ohne sie künstlich ins Uferlose auszudehnen.
Was bleibt
Am Ende dieser Recherche steht für mich nicht nur die bekannte Zahl von 17 Kindern. Und auch nicht nur das Bild eines Bremer Originals, das in Anekdoten weiterlebt. Es bleibt das Bild einer Frau, deren Leben sehr viel mehr umfasste, als es diese kurze Geschichte hier erzählen kann.
Lucie wurde sehr jung Mutter und bekam 17 Kinder. Sie wurde früh Witwe und musste ihre Kinder alleine versorgen. Ihr zweiter Ehemann verschwand spurlos – und wieder blieb die Verantwortung an ihr hängen.
Vielleicht hat mich an dieser Recherche genau das am meisten berührt: Aus einer bekannten Figur wurde über die Wochen hinweg ein Mensch, der mir durch die Quellen immer näher rückte. Nicht, weil ich mir anmaßen würde, sie wirklich zu kennen, sondern weil aus einzelnen Daten nach und nach ein Leben sichtbar wurde.
Was bleibt, ist eine Frau mitten in einer riesigen Familie mit Spuren, die bis heute auffindbar sind. Und mit einer Geschichte, die zeigt, wie viel sich hinter einem bekannten Namen verbergen kann, wenn man anfängt, wirklich hinzuschauen.
Das Material würde inzwischen fast für einen Roman reichen. Für diese Seite bleibt es erst einmal eine genealogische Recherche – und für mich die umfangreichste und eindrücklichste Arbeit innerhalb der Bremer Originale.
Ich freue mich schon sehr auf die Entdeckungsreise zu Ihrer Familiengeschichte.