Bremer Originale

Bremer Originale sind Menschen, die auf ihre ganz eigene Weise Spuren in Bremen hinterlassen haben – manchmal berühmt, manchmal berüchtigt, manchmal einfach unvergessen.

Auf dieser Seite werfe ich einen genealogischen Blick auf ausgewählte Bremer Persönlichkeiten: Wer waren sie, woher kamen sie, und was lässt sich aus den Quellen wirklich über sie herausfinden?


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Gesche Gottfried eine genealogische Recherche

 

Gesche Gottfried ist ein Bremer Original – sie ist in Erinnerung geblieben, wenn auch nicht unbedingt für Positives. Über ihre Taten wurde viel geschrieben – über ihren Prozess und ihre Hinrichtung auch.

 

Mich interessierte für diese Recherche aber ein anderer Blick: Nicht die Giftmörderin, sondern ihre Familiengeschichte.

 

Wer gehörte zu ihr? Welche Kinder hatte sie? Gibt es Nachfahren? Und was lässt sich davon tatsächlich belegen?

 

Die ganz normalen Ahnenforschungsfragen halt.

Am Anfang: ein paar Daten

 

 

Wie so oft begann auch diese Recherche mit wenigen Angaben: Namen, Daten, ein paar Verwandtschaftsverhältnisse – vermutlich nicht alles gesichert, aber genug, um loszulegen.

 

 

Geboren wurde Gesche Margreta TIMME am 6. März 1785 in Bremen – gemeinsam mit ihrem Zwillingsbruder Johan Christoph TIMME. Ihre Eltern waren Johann TIMM und Gesche Margarethe SCHÄFER.

 

 

Die erste Ehe und die Kinder

 

 

Am 6. März 1806 heiratete Gesche in der St.-Ansgarii-Kirche in Bremen Johann Gerhard MILTENBERG.

 

Aus dieser Ehe konnte ich vier Kinder nachweisen:

 

 

Adelheit, geboren 1807
Henrich, geboren 1810
Johanna, geboren 1812
und noch einmal Johanna, geboren 1814

 

 

Zwei Töchter mit demselben Namen? Ja.

 

Das wirkt im ersten Moment irritierend, ist aber nicht ungewöhnlich. Die erste Johanna starb 1813, die zweite wurde 1814 geboren. Gerade bei früh verstorbenen Kindern wurde ein Name später durchaus erneut vergeben.

 

Hier muss man genau hinschauen, sonst wird aus zwei Kindern schnell eines – oder umgekehrt.

 

 

Und dann sind da noch die kleinen Gemeinheiten der Register und Verzeichnisse:
Aus Miltenberg wird ein Mittenberg und Johanna wird plötzlich zu Johann.

 

 

Ahnenforschung braucht deshalb neben Sorgfalt auch eine gute Portion Phantasie und Kreativität, um die eine oder andere Klippe in den Indexen umschiffen zu können.

 

 

Wenn die Daten nicht übereinstimmen

 

 

Bei der 1812 geborenen Johanna gab es noch eine Besonderheit:

 

Im Kirchenbuch steht als Geburtsdatum der 1. November 1812 – im Zivilstandsregister dagegen der 31. Oktober 1812, abends um 22 Uhr.

 

 

Was stimmt?

 

Im Grunde beides.

 

 

Ich habe mich hier für den Eintrag des Zivilstandsamts entschieden – die abweichende Angabe des Kirchenbuchs aber natürlich notiert.

 

 

Eine Familie verschwindet

 

 

Und dann wird aus einer ganz normalen Familiengeschichte langsam eine sehr stille Chronologie der Todesfälle.

 

 

Am 4. April 1813 starb die erste Johanna.
Am 1. Oktober 1813 folgte dann Gesches erster Ehemann Johann Gerhard Miltenberg.

 

 

1815 folgte dann eine ganze Reihe Sterbefälle:

 

Gesches Mutter, die zweite Johanna, Tochter Adelheit, Gesches Vater und Sohn Henrich.

 

 

1816 starb dann auch ihr Zwillingsbruder Johan Christoph.

 

 

Wenn man nicht wüsste, wer Gesche Gottfried war, würde man hier vielleicht erst einmal nicht laut aufhorchen. Die Kindersterblichkeit war hoch und auch Erwachsene erreichten nicht immer ein hohes Alter.

 

 

Und doch: In dieser Dichte liest sich diese Familiengeschichte irgendwann anders – mich hätte ein merkwürdiges Bauchgefühl beschlichen, wenn ich die Geschichte dahinter nicht kennen würde.

 

 

Die zweite Ehe

 

 

Am 2. Juli 1817 heiratete Gesche in zweiter Ehe Michael Christoph GOTTFRIED.

 

Diese Ehe dauerte nur wenige Tage. Michael Christoph Gottfried starb am 5. Juli 1817.

 

 

Am 2. Oktober 1817 brachte sie einen Sohn tot zur Welt.

 

 

Weitere Kinder konnte ich nicht nachweisen.

 

 

Aus Gesche Margreta TIMME war durch diese Ehe die später bekannte Gesche Gottfried geworden.

 

 

Gibt es Nachfahren?

 

 

Das war eine der Fragen, die mich bei dieser Recherche besonders interessiert hat.

 

 

Die Antwort ist nach den gefundenen Unterlagen klar:

 

Nein – es gibt keine gesicherten Nachfahren von Gesche Gottfried.

 

 

Alle bekannten Kinder starben früh. Ihr Zwillingsbruder blieb unverheiratet; Kinder sind für ihn nicht bekannt. Weitere Geschwister konnte ich nicht nachweisen.

 

 

Ob es über die Herkunftsfamilien der Eltern noch weitere Verwandtschaft gab, bleibt offen. Denn genau dort endet meine Spur: Die Heirat und Herkunft der Eltern konnte ich nicht sicher klären. Möglicherweise läge eine Antwort in einem Kirchenbuch des St.-Petri-Doms – doch gerade dieses Heiratsbuch ist seit 1945 verschollen.

 

Das ist ärgerlich. Sehr sogar.

 

 

Aber Ahnenforschung besteht nicht darin, Lücken schönzufärben oder mit Phantasie aufzufüllen. Manchmal muss man sagen: Ich habe einen Punkt erreicht, an dem ich einfach nicht weiterkomme.

 

 

Was bleibt

 

 

Am Ende dieser Recherche steht kein großer Stammbaum.

 

 

Es bleibt eine kleine Familie, deren Linien früh abbrechen.
Es bleiben Kinder, die kaum Zeit hatten.
Es bleiben Namen, Daten, kleine Abweichungen – und einige Fragen, die sich nicht mehr beantworten lassen.

 

 

Für mich war diese Recherche trotzdem lohnend.

 

 

Gerade weil sie zeigt, was Ahnenforschung oft ist: kein schnelles Sammeln von Daten, sondern ein vorsichtiges Zusammensetzen. Man prüft, vergleicht, verwirft, entscheidet – und hält aus, wenn etwas offen bleibt.

 

 

Die Linkliste zu den von mir gefundenen Quellen habe ich im Rahmen meiner Facebook-Beiträge veröffentlicht – ich stelle sie auf Nachfrage natürlich gerne auch per Mail zur Verfügung. Hier würde sie nur den Rahmen sprengen.


Heini Holtenbeen - eine genealogische Recherche

„Heini Holtenbeen“ ist ein Bremer Original, hinter dem ein ganz normaler Mensch steckt.

 

 

Und genau da beginnt für mich die genealogische Neugier.

 

 

Wer war er? Wie sahen seine familiären Verbindungen aus? Woher kam seine Familie? Gibt es vielleicht Nachkommen?

 

 

„Heini Holtenbeen“ hieß bürgerlich Jürgen Heinrich KEBERLE. Geboren wurde er am 18. April 1835 in Bremen als Sohn eines aus Böhmen stammenden Vaters und einer aus Bremen stammenden Mutter.

 

 

Das klingt erst einmal nach wenigen Angaben.

 

 

Aber wenige Angaben sind manchmal genug, um loszugehen.

Am Anfang: ein paar Fragen

 

 

Heini verstarb ledig. Es gibt also keine bekannte direkte Nachfahrenlinie.

 

 

Damit war schnell klar: Wenn ich mehr über ihn herausfinden möchte, muss der Blick nicht auf eigene Kinder und Enkel gehen, sondern auf seine Eltern, Geschwister und Seitenlinien.

 

 

Also begann die Recherche dort, wo sie meistens beginnt: bei Namen, Daten, Urkunden — und bei der Frage, welche Angaben wirklich zusammenpassen.

 

 

Schon dabei zeigte sich wieder einmal, dass Namen in alten Quellen selten so gleichbleibend sind, wie wir sie heute gern hätten.

 

 

Aus KÄBERLE wurde KEBERLE.
Aus Henriette BERTRAM wurde Hinrika BARTRAM.
Aus Josephine Franzisca KEBERLE wurde an anderer Stelle Franziska Josephine KEBERLE.

 

 

Solche Unterschiede sind kein Grund, sofort abzuwinken. Schreibweisen wechselten, Umlaute verschwanden, Vornamen wurden vertauscht. Wichtig ist dann der nächste Schritt: prüfen.

 

 

Passen Ehepartner und Eltern?
Passt das Alter?
Passt der Ort?
Passt der Zusammenhang?

 

 

Bei Josephine passte trotz vertauschter Vornamen der Ehemann. Damit war klar: Das ist die richtige Person. Bei anderen Spuren reichte eine ähnliche Namensform dagegen nicht aus.

 

 

Ahnenforschung ist eben nicht nur Suchen. Sie ist auch Sammeln, Prüfen, Ordnen — und Stück für Stück Zusammenpuzzeln.

 

 

Die Spur nach Böhmen

 

 

Bei Heinis Vater stand zunächst nur der Hinweis: Er stammte aus Böhmen.

 

 

Das ist spannend, aber noch nicht besonders hilfreich. Böhmen ist schließlich kein genauer Geburtsort.

 

 

Später ergab sich aus einem anderen Dokument der Hinweis auf Straschitz, heute Strašice. Damit begann der nächste Teil der Suche: Wie heißt der Ort heute? Welche Pfarrei war zuständig? Sind die Kirchenbücher erhalten? Und in welcher Sprache wurden sie geführt?

 

 

Tatsächlich ließ sich der Taufeintrag von Heinis Vater finden.

 

 

Geburtsjahr passt.
Eltern passen.
Der Eintrag ist korrekt identifiziert.

 

 

Das ist ein echter Rechercheerfolg.

 

 

Auch wenn der Eintrag selbst nicht gerade freundlich zu lesen ist. Um es etwas direkter zu sagen: Die Schrift ist eine ziemliche Sauklaue — und als wäre das nicht schon sportlich genug, ist der Eintrag auch noch auf Tschechisch.

 

 

Bei Niederländisch hilft mir manchmal lautes Vorlesen, bei Portugiesisch vielleicht noch ein Hauch Spanisch im Hinterkopf.

 

 

Aber Tschechisch?

 

 

Da stehe ich erst einmal ziemlich blank da.

 

 

Manchmal findet man also die richtige Quelle — und merkt dann: Sie hat offenbar beschlossen, nicht sofort alles freiwillig herauszugeben.

 

 

Wenn eine Spur Zeit braucht

 

 

Bei Heinis väterlicher Linie wäre weitere Forschung in Böhmen grundsätzlich möglich. Sie würde aber bedeuten, sich tiefer in eine ungewohnte Quellenwelt einzuarbeiten: andere Sprache, schwere Schrift, andere Überlieferung.

 

 

Das kann sehr spannend sein.

 

 

Es kann aber auch sehr zeitintensiv werden.

 

 

Auch bei Heinis Mutter gab es einen solchen Punkt. Sie wurde unehelich geboren. Ob ihre Eltern später geheiratet haben, lässt sich derzeit nicht sicher klären. Ein wichtiges Kirchenbuch fehlt, und die erhaltenen Zivilstandsunterlagen bringen hier keinen eindeutigen Anschluss.

 

 

Das ist kein Scheitern.

 

 

Es ist Quellenarbeit mit Augenmaß.

 

 

Manchmal ist eine Spur nicht unmöglich — aber sie ist zeitintensiv. Dann muss man ehrlich abwägen, ob der Aufwand zum Ziel passt.

 

 

Ich investiere gerne viel Arbeit in eine Recherche — aber nicht blindlings. Wenn eine Spur außergewöhnlich viel Zeit für Recherche und Einarbeitung verlangt, spreche ich das offen an. Dann kann gemeinsam entschieden werden: Gehen wir diesen Weg weiter? Oder reichen die bisher gefundenen Daten für das aktuelle Ziel?

 

 

Denn Ahnenforschung darf gründlich sein — aber sie sollte kein Fass ohne Boden werden.

 

 

Amerika taucht auf

 

 

Besonders spannend wurde es bei Heinis Geschwistern.

 

 

Plötzlich tauchten Spuren auf, die nach Amerika führten.

 

 

Bei seinem Bruder Joseph Aloysius KEBERLE führte eine Spur nach New York. Ein Joseph A. KEBERLE wurde 1858 in New York eingebürgert — und als früherer Bürger von Bremen bezeichnet.

 

 

Das ist ein richtig starker Hinweis.

 

 

Passender Herkunftsort.
Passender Name.
Passende Zeit.

 

 

Da wird man natürlich hellhörig.

 

 

Aber Ahnenforschung lebt nicht nur vom Finden, sondern auch vom Prüfen.

 

 

Der zweite Vorname wird nicht ausgeschrieben. Ein Geburtsdatum fehlt. Eltern werden nicht genannt. Und ein späterer möglicher Sterbefall führt zu einem Joseph August — das ist eben nicht dasselbe wie Joseph Aloysius.

 

 

Auch bei Heinis Schwester Josephine gab es Hinweise Richtung Amerika. Eine Frances J. REST passte in mehreren Punkten auffallend gut: Alter, Name, Baltimore. Dazu kamen weitere kleine Spuren im Umfeld.

 

 

Aber auch hier fehlte am Ende der Beweis.

 

 

Solche Funde sind nicht wertlos. Im Gegenteil. Sie zeigen, wohin eine Familie möglicherweise gegangen sein könnte. Sie geben Suchrichtungen vor. Sie helfen, Zusammenhänge zu verstehen.

 

 

Aber sie werden nicht automatisch zu gesicherten Tatsachen.

 

 

Für diese Recherche heißt das: notieren, bewerten — aber eben nicht passend machen, was nicht sicher genug belegt ist.

 

 

Spannende Nebenschauplätze

 

 

Manchmal sind es die Nebenschauplätze, die einer Recherche plötzlich Leben geben.

 

 

Bei Heini tauchte zum Beispiel ein Name auf, der erst einmal wie ein kurioser Zufall wirkte: Marc ROLAND — ein Komponist mit eigenem Wikipedia-Artikel, den ich vorher ehrlich gesagt nicht auf dem Schirm hatte.

 

 

Er zeigte den Tod der Witwe eines Verwandten aus Heinis Seitenlinie an.

 

 

Erst später ergab das Ganze Sinn: Marc ROLAND, geboren als Adolf Diedrich Karl BEENEKEN, hatte eine Großnichte von Heini geheiratet. Aus einem scheinbaren Zufallsfund wurde also ein Stück Familienzusammenhang.

 

 

Auch ein anderer Fund war interessant: der Beruf Ober-Postpraktikant.

 

 

Wer dabei an ein heutiges Praktikum denkt, landet völlig falsch. Historisch war das eine Laufbahnbezeichnung bei der Post — kein Praktikum im heutigen Sinne.

 

 

Solche Kleinigkeiten sind nicht immer der Mittelpunkt einer Recherche. Aber sie zeigen, warum Quellen immer in ihre Zeit gehören.

 

 

Was bleibt

 

 

Bei Heini habe ich mich bewusst auf jeweils zwei Generationen vor und nach ihm konzentriert.

 

 

Zum einen, damit die Recherche in die Vergangenheit nicht ausufert. Zum anderen, weil es in den Seitenlinien Hinweise auf möglicherweise noch lebende Angehörige gibt.

 

 

Und die gehören definitiv nicht in eine öffentliche Darstellung.

 

 

Am Ende bleibt der Blick auf den Menschen hinter dem Bremer Original — und auf eine ganz normale Familie.

 

 

„Heini Holtenbeen“ war bürgerlich Jürgen Heinrich KEBERLE, geboren in Bremen.

 

 

Seine väterlichen Spuren führen nach Böhmen.
Seine Seitenlinien führen nach Bremen, Baltimore, New York und Charlottenburg.
Es gibt sichere Funde, spannende Hinweise und einige offene Fragen.

 

 

Und genau das ist für mich Ahnenforschung:

 

 

Nicht alles glattbügeln.
Nicht alles passend machen.
Sondern sorgfältig zeigen, was belegbar ist — und was offenbleiben muss.

 

 


Mudder Cordes

Fisch-Luzie